TANN in Rüsselsheim

15. März 2013  | gm

Virtuosen,

mit allen Wassern gewaschen

Konzert – Das Trio „Tann“ entwickelt beim Auftritt im „Rind“ auf jazz-untypische Weise einen homogenen Gesamtsound

Augenkontakt:  Mit Blicken und Gesten stimmten sich die Musiker des Jazztrios „Tann“ bei ihrem Auftritt im Rind ständig ab (von links: René Bornstein, Dirk Häfner und Demian Kappenstein).  Foto: Frank Möllenberg

Vergrößern | Augenkontakt: Mit Blicken und Gesten stimmten sich die Musiker des Jazztrios „Tann“ bei ihrem Auftritt im Rind ständig ab (von links: René Bornstein, Dirk Häfner und Demian Kappenstein). Foto: Frank Möllenberg

Till Schweiger-Fans konnten aufatmen: Wer sich nur schweren Herzens dazu durchringen konnte, die „Tatort“-Premiere von Deutschlands Frauenschwarm Nummer eins für den Auftritt des Dresdner Jazztrios „Tann“ im „Jazzcafé“ zu verpassen, wurde von Demian Kappenstein über die neuesten Ermittlungsergebnisse auf dem laufenden gehalten. Der Drummer hatte nämlich auf seinem Laptop den Livestream des Krimis stets vor Augen.
Der Auftakt des Konzerts erinnerte eher an ein Stück Neuer Musik als an „High Energy Indie Jazz“ – so die Kurzbeschreibung der Band auf ihrer Website: Eine Klangwolke aus lang gehaltenen, die Obertöne auslotenden Klänge des gestrichenen Basses und perkussiven Schnipseln vom – zunächst mit Tuch abgedämpften – Schlagzeug. Dann plötzlich die erste von vielen unerwarteten Wendungen hin zu klarer tonaler Sprache.
Gitarrist Dirk Haefner, Bassist René Bornstein und Demian Kappenstein am Schlagzeug gelingen polystilistische Umbrüche, die Staunen machen. Wie Karnickel schlägt das Trio immer wieder Haken in völlig andere Richtungen, ohne den Spielfluss zu unterbrechen. Ohne – und das ist das Bemerkenswerteste an dieser Band – dass einer die anderen je dominieren würde, denn „Tann“ gelingt es auf fast jazz-untypische Weise, einen homogenen Gesamtsound zu entwickeln, bei dem weniger einzelne Soli, stattdessen gemeinsame Improvisationen das Geschehen bestimmen. Sicher: Das ist nicht so ungewöhnlich – Jazz lebt nunmal von der Improvisation. Aber das übliche Schema von Melodie – Solo – Melodie wird auf eindrucksvolle Weise durchbrochen, obwohl (oder gerade weil?) jeder von ihnen ein mit vielen Wassern gewaschener Virtuose ist.
Es findet sehr viel Augenkontakt statt auf der Bühne – auch wenn von Dirk Haefners Gesicht nicht eben viel zu sehen ist. Der Gitarrist verbirgt große Teile seines Antlitzes hinter in die Stirn gekämmter Haarpracht, die untere Hälfte bedeckt ein wilder Bart. Trotzdem ist zu beobachten, wie Mund und Kinn in ständiger, mahlender Bewegung sind. Von den elektronischen Apparaturen zu seinen Füßen macht er nur gerade so viel Gebrauch wie nötig – längst gehören die additiven Möglichkeiten zur Klangerweiterung und -beugung zum festen Ausdrucksinventar zeitgenössischer Jazzgitarristen und werden nicht mehr plakativ in den Vordergrund gestellt. René Bornstein beweist auf seinem akustischen Bass viel Gespür für klangliche Finessen, häufig ist der Bogen in Gebrauch, was viel Raum lässt für subtile Soundexkursionen.
Weniger subtil, aber umso effektvoller und wohl teilweise als Gag gemeint ist eine Aktion Demian Kappensteins am Ende des ersten Sets: Aus vollen Händen lässt er Münzen (sicherheitshalber keine Euros) auf sein Set prasseln. Als er dann mit vollem Einsatz losdrischt, spritzen die Geldstücke quer durch den Raum – „Tann“ legt viel Wert auf Humor.Rund 50 Zuhörer ließen sich begeistert auf dieses ungewöhnliche und vielschichtige Musikerlebnis ein.

 

Aus:  http://www.echo-online.de/region/ruesselsheim/Virtuosen-mit-allen-Wassern-gewaschen;art1232,3759301

Tann, Stuttgart, 16.03.2013

Konzert: Tann 

Ort: Wilhelmsbaupalais, Stuttgart 
Zuschauer: mehrere 100 
Datum: 16.03.2013 
Dauer: 58 Minuten Bericht und Fotos von Jens K. Aus Stuttgart 

Es war wohl das virtuoseste Konzert, an das ich mich erinnern kann. Ich bin sprachlos, als nach knapp einer Stunde das atemberaubende Set der formidablen Jazz-Band Tann aus Dresden endet. Es ist Gitarrenjazz in höchster Perfektion, den Demian Kappenstein (Schlagzeug), René Bornstein (Kontrabass) und Dirk Häfner (Gitarre) zu später Stunde im Wilhelmsbaupalais, der ehemaligen Stuttgarter Stadtbibliothek am Charlottenplatz spielen. Improvisation, unfassbares Gitarrenspiel, Drumming in beser Gene Krupa – Tradition und ein markerschütterndes Bassspiel verlangen mir die allerhöchste Aufmerksamkeit ab, fesseln mich.

Unangekündigt beginnt das Konzert „Circus Dots“, dem zweiten Titel des im vergangenen Jahr erschienen Albums „Koniferen“. Dirk Häfner, einer der profiliertesten Gitarristen Deutschlands, den man unter anderen als Mitglied der Folkpop-Band Pretty Mery K sehen kann, der auch der ausgezeichnete Hamburger Indie – Bassist Ben Schadow, Solokünstler und Mitglieder von Bernd Begemanns Befreiung, angehört. Darüber hinaus ist Häfner, derjenige der den, meines Erachtens eher uninteressanten Pop Tim Bendzkos, verzaubert, indem er die Gitarrenparts zur Single „Wenn Worte meine Sprache wären“ beisteuerte. Beobachtet man den rothaarigen, bärtigen Gitarristen mit dem listigen Gesicht im Zusammenspiel mit seinen beiden Mitstreitern im Wilhelmsbaupalais, so gibt es keinen Zweifel, dass Jazz die Musik ist, in deren Element sich der Wahl-Berliner am wohlsten fühlt. Es macht Spaß der technischen Präzession des Trios zu zusehen, mit anzuschauen, wie die studierten Musiker aus Dresden eins werden mit der Musik.

Seit einigen Jahren höre ich gerne Jazz; Genre-Klassiker wie Chet Baker, Charlie Parker oder John Coltrane und natürlich Miles Davis. Doch ist es der heutige Abend, der einen Paradigmenwechsel in mir auslösen könnte, ein Schlüsselerlebnis in meinem musikalischen Entwicklungsprozesses, ein Ereignis, das dazu führen könnte, mich neben Konzerten aus dem weiten Feld der Popmusik auch häufiger in Jazzclubs antreffen zu können. Gitarren-lastiger Jazz erscheint mir so facettenreich, von solch wohldurchdachter Eleganz zu sein, dass es einen süchtig machen könnte. Den Fingerläufe der beiden Saiteninstrumentalisten zu folgen ist dabei ebenso fesselnd wie das energische, doch punktgenaue Schlagwerkspiel Kappensteins.

Alle Titel leben von der Improvisation, die trotz anfänglich unruhiger Geräuschkulisse letztlich für ein andächtig lauschendes Publikum sorgt. Es ist die Lange Nacht der Museen in Stuttgart, in dessen Rahmen der Auftritt von Tann heute stattfindet. Im Wilhelmsbaupalais laden eine Kunstausstellung und eine Reihe Jazzkonzerte unzählige Menschen zu einem Besuch ein. Dementsprechend hektisch ist die Atmosphäre rund um das Tann-Konzert, das glücklicherweise erst um 23 Uhr beginnt, so dass ich in keine Gewissenskonflikte mit dem früher stattfindenden Auftritt von Tess Wiley gerate.


Die Beleuchtung im sehr gediegenen, prachtvollen Foyer des Wilhelmsbaupalais’ ist atmosphärisch absolut stimmig und sorgt für angemessene Rahmenbedingungen eines solchen Konzertes. Spätestens mit dem zweiten Stück der Nacht haben Tann ihr Publikum schließlich im Griff, auf jeden Fall haben sie nun eine begeisternde Anzahl an Zuschauern gewonnen. „Julia auf dem Ponyhof“ http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=07UMrCmL3pQ&feature=endscreen, ein wundervolles Stück Instrumentaljazz’, indem Kontrabassist René Bornstein autobiografische Erlebnisse aus seiner Jugend aufarbeitet. So verlangten seine Eltern immer, dass sich der junge René eigenes Taschengeld hinzuverdient, was schließlich zu einem Ferienjob auf einem Ponyhof führte, wo er sich in eine Julia verliebte, wie Schlagzeuger Demian Kappenstein humorvoll erzählt. Überhaupt strotzen die Ansagen des bärtigen, chic-bebrillten Musikers im blauen Modhemd nur so von gut pointierten, sympathischen Witz. Und musikalisch sind die Musiker eben das, was dem Titel ihres Albums so ähnlich ist, nämlich Koryphäen. Der Einsatz verschiedenster Percussion- Hilfsmittel begeistert ebenso, so lässt Kappenstein mal wohldosiert Münzen über sein Instrument rieseln oder setzt andere ungewöhnliche Gegenstände, wie eine interessant aussehende Puppe ein.


„Dra di ned um, sonst fress i di“ ist ein weiteres, glänzendes Beispiel für die Klasse des intensiv-harmonierenden Trios. Euphorische Zurufe aus dem Publikum quittieren die Leistung und Intensität der Performance der jungen Dresdner Jazzer. „You“, geschrieben von Dirk Häfner, ist vielleicht der schönste Titel des tadellosen Konzerts. Der Gitarrist beginnt langsam, solo an seinem Instrument, bevor seine Kollegen einsteigen und sich das Stück zu einem erbarmungslos pulsierenden musikalischen Ritt steigert. „Round ‘n’ Round“ http://www.youtube.com/watch? v=ThWO9D_uYUk, das Kappenstein scherzend als „Rund und rund“ und als „unsere ewige Zirkusnummer“ ankündigt, fällt qualitativ in keinster Form ab, im Gegenteil, je länger der Auftritt andauert, desto leidenschaftlicher scheint er zu werden.

Zum Schluss gibt es noch „Zeitgeist“, „ein Stück Hipster-Kritik“, wie Kappenstein sagt, und hinzufügt, dass sie „die Metropolen dieser Welt, Dresden, Berlin und Dubai“ verlassen und sich „auf das Land verteilen“ sollten. Es ist der glänzende Schlusspunkt eines brillanten Konzerts, eines Konzerts, dass mein Interesse für Jazz um ein vielfaches gesteigert hat. Vielen Dank Tann, vielen Dank Dirk Häfner, René Bornstein und Demian Kappenstein!

Setlist: 

Circus Dots
Julia auf dem Ponyhof
Dra di ned um, sonst fress i di
You
Round and round
Zeitgeist